Sascha Buchbinder

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Reportage

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Wirtschaftswunderland ist abgebrannt - eine Reise von Porsche zu Marx

Die Wirtschaftskrise trifft Deutschland ausgerechnet im Wahl- und Jubiläumsjahr. Wo steht das Land? Was beschäftigt die Menschen? Wir durchqueren ein Land, in dem vieles nicht mehr ist wie erwartet.

Der weisse Bau ragt in einen apokalyptisch schwarzen Himmel. Über dem Porsche-Museum in Stuttgart -Zuffenhausen türmen sich Gewitterwolken. Gleich hält die Welt einen Augenblick inne. Nur die Motoren dreier Porsches - die von älteren Herren Richtung Tiefgarage gesteuert werden - wummern ungerührt weiter. Die Kulisse passt. Denn das Management von Porsche hat das Unternehmen in ein übles Unwetter gesteuert.

Die Firma hat sich verzockt. Der kleine Sportwagenbauer wollte VW übernehmen und nach der Übernahme in die VW-Kasse greifen, um den Kauf zu finanzieren. Aber Volkswagen ist per Gesetz gegen Übernahmen geschützt. Porsche hatte darauf gesetzt, dass die EU das Gesetz kippt. Doch die Macht von VW reicht weit. Und so hat am Ende VW Porsche gefressen.

Die Geschichte klingt aberwitzig. Aber das Porsche-Museum bezeugt, dass die Zuffenhausener schon länger glaubten, sie hätten die Welt der Normalsterblichen hinter sich gelassen. Der frisch eröffnete Museumsbau des Wiener Architekturbüros Delugan und Meissl spottet der Schwerkraft. Verwegen reckt sich das Museum in den Himmel, nur von wenigen, filigranen Pfeilern gestützt. Der Bau ist ein Sinnbild sündiger Versuchung. Als Besucher geht man nicht, man flaniert durch dieses Haus. Vorbei an sinnlich-rundlichen Sportwagen - ohne zu bemerken, wie man sich in diesem modernen Babelturm immer höher in den Himmel schraubt.

Im Museumsinnern liegt eine Steinschleuder in der Vitrine. Dazu der Hinweis auf die Geschichte von David gegen Goliath. Die Vitrine wurde hingestellt, bevor Goliath VW Porsche besiegt hat. Sieht man die ausgestellten Porsches, scheint der Vergleich mit David nicht ganz unpassend. Wie winzig die eben noch waren! Wer heutige Porsches gewohnt ist, hält die alten Flitzer zuerst für Modelle. Dabei war das jahrzehntelang normal. Erst als die Vertreter der bedächtigen Deutschland AG vom rheinischen Kapitalismus ins Kasino wechselten, wurden auch die Autos breit und protzig. Der neueste Porsche ist zwei Tonnen schwer. Ein 4,8-Liter-Motor katapultiert die Masse in vier Sekunden auf Tempo 100 und dann weiter, bis 303 km/h. Mindestens 200 000 Franken kostet so ein Auto.

Jeder Ausländer ein Stuttgarter

Gibt es einen deutscheren Ort als dieses Stuttgart ? Jedenfalls nicht für Schweizer. Die gschaffige Schwaben-Metropole, der Hang zum Wohlstand scheinen uns deutscher als deutsch. Aber das Klischee täuscht. Nicht nur, weil Porsche krankt. Nicht nur, weil Wirtschaftswunderland vielleicht bald abgebrannt ist. Wer genauer hinsieht, stutzt schon bei der Ankunft. Der Hauptbahnhof ist voller Ausländer. Doch die sehen nicht so aus, als wären sie alle Touristen auf Durchreise. Zum Beispiel die junge Frau mit dem grossen Tattoo auf dem Rücken, einem doppelköpfigen Adler. Sie heisst Shqipe. Mit 18 liess sie sich den Adler unter die Haut stechen. Ein Zeichen der Verbundenheit mit Albanien. Inzwischen ist Shqipe 23, und wenn sie ihr Herkunftsland besucht, fühlt sie sich unheimlich deutsch. «Toilette im Hof und so - das ist nicht meins, das ist eine andere Zeit», erklärt sie, lächelt schief. Auf ihrem Pass hat sie den deutschen Bundesadler. Den Vogel auf dem Rücken will sie wegmachen lassen.

40 Prozent der 600 000 Menschen in Stuttgart kommen ursprünglich aus einem anderen Land. 170 Nationen, 120 verschiedene Sprachen: Stuttgart . Oberbürgermeister ist Wolfgang Schuster. Er wirkt im ersten Augenblick wenig überraschend. Ein Schwabe, CDU-Mitglied, im Amt seit zwölf Jahren, grauer Anzug, graues Haar, die Hände meist ruhig auf dem Tisch, das Büro monochrom, bis auf eine einzige, orange Strelitzie im Blumengesteck auf dem Sitzungstisch. Dann aber legt er einen dicken Packen Papier auf den Tisch. Ideen für Stuttgart . Und wenn er zu erzählen beginnt, wird klar: Unter dem grauen Haar glüht Schuster. Der Mann mag keine Schablonen, keine ausgetretenen Wege.

«2001 habe ich die Ausländer abgeschafft», behauptet Schuster. Wer in Stuttgart lebt, gilt ihm als Stuttgarter. Nicht der Pass sei wichtig, sondern die Integration. Viel zu lange habe es in Deutschland keine Integrationspolitik gegeben, sagt er. «Mir war klar: Das Denken muss sich radikal verändern, sonst kommen wir nicht weiter.» Es gab Widerstand. Linke schimpften ihn einen Deutschtümler. Weil er Deutschkurse einführte. Rechte schrieben böse Briefe. Weil er sich mit den Ausländern zu Gesprächen an einen Tisch setzte. «Aber als Schwaben denken wir auch in Nützlichkeitskategorien», schmunzelt Schuster, und dass gut integrierte Ausländer in einer globalisierten Wirtschaft nützlich sind, leuchte allen ein. «Das sind ganz einfache Dinge, wenn man nur mal nüchtern darüber nachdenkt.» Es gehe um Überlegungen wie die, dass sich aufwendige Kinderbetreuung rechnet, wenn sie spätere soziale Probleme verhindert. «Inzwischen leben wir ganz munter zusammen», versichert Schuster. In den Umfragen erklärten Deutsche wie Ausländer zu 90 Prozent, dass sie gern in Stuttgart leben.

Schwäbische Tugenden

Das Verblüffende aber ist, dass die Muslime am Tisch ausführlich erzählen, wie bereichernd für sie der Kontakt mit anderen Muslimen sei. Dass sich Sunniten mit Aleviten an einen Tisch setzen, war bis vor einem Jahr nicht üblich. Da bestanden Vorurteile. Weil bei den Aleviten die Frauen kein Kopftuch tragen, weil die Aleviten nicht fasten im Ramadan. Während einer gemeinsamen Sitzung fasste sich dann eines Abends ein Vertreter der türkisch-islamischen Union Ditib ein Herz und fragte die Aleviten, ob es wahr sei. Ob die Aleviten wirklich Schweinefleisch ässen. Es ist nicht wahr. Wie sie sich daran erinnert, lacht die Runde noch einmal herzlich.

«Auf mei Schtuaggard lass i nix komme», sagt prompt Necdet Göcr in spitzem Schwäbisch. Göcr ist zweiter Vorsitzender der alevitischen Gemeinde Stuttgarts . Ein Dutzend Muslime versammelt sich im Gebetsraum des Landesverbandes Islamischer Kulturzentren in Zuffenhausen, um vom Islamprojekt der Stadt zu erzählen. Albaner, Türken - nein: Stuttgarter sitzen um einen Tisch und loben ihre Stadt. Im Islamprojekt werden junge Muslime «trainiert». Worin? In Integrationsarbeit, im Delegieren, Organisieren, Kommunizieren. Sie lernen, den eigenen Verein als Dienstleister für die Mitglieder zu sehen. Sie lernen, wie Ämter funktionieren, wie man sich durchfragt und nachhakt, um ans Ziel zu kommen. Kurz: Die Muslime lernen schwäbische Tugenden. «Früher haben wir alles sehr chaotisch, immer auf den letzten Drücker gemacht. Das erschöpft», erklärt Derya Kurt, bis vor kurzem Jugendvorstandsvorsitzende der Aleviten.

Geschichte allgegenwärtig - Nürnberg

Ohne Geschichte ist Deutschland nicht zu verstehen. Die Reise geht weiter nach Nürnberg, der einstigen Brutstätte der Nationalsozialisten. Um diese Geister zu bannen, führten die Alliierten nach dem Sieg die Kriegsverbrechertribunale in Nürnberg durch. Doch die Erinnerung an die Zeit der Nazis ist nicht zu löschen. In den Ruinen des NS-Reichsparteitagsgeländes, wo einst die Nazis zu Hunderttausenden aufmarschierten, steht seit 2001 ein Dokumentationszentrum. Es ist keine schöne Erinnerung.

Aber inzwischen stellt sich die Stadt dieser Geschichte. Mit jährlich 200 000 Besuchern sei das Haus das erfolgreichste Nürnberger Museum, erzählt der Leiter, Hans-Christian Täubrich. Täubrich trägt schwarze Jeans und ein schwarzes Polo-Shirt. Ein leicht fülliger Mann, der sehr patent wirkt. Er setzt sich in eine freie Ecke des Grossraumbüros. Grossraum? Das Büro ist eher ein Schlauch, in dem die Angestellten einander bei jedem Schritt auf die Füsse treten. Die Politik stritt bei der Planung bis zur letzten Minute, weshalb niemand wusste, wie viele Mitarbeiter einziehen sollten. Prompt planten die Architekten den Bau ohne Büros. Jetzt sitzen die Mitarbeiter im Büroschlauch und nehmen mit einem Achselzucken zur Kenntnis, dass die Telefonanlage schon wieder streikt. Hauptsache, die Ausstellung funktioniert. Die ist sehr anschaulich. Eintrag im Gästebuch: «Als Kind habe ich zwischen den Mauern des Reichsparteigeländes gespielt, heute begreife ich die erschütternde Geschichte, die sich mit diesem Gebäude verbindet. Brigitte B., 48 Jahre.»

Geschichte ist allgegenwärtig. Aber wir leben in der Gegenwart. Das wird einem schlagartig bewusst, wenn vor den Schautafeln der Magen laut knurrt. Ist der Mensch, was er isst? Jedenfalls bekommt man über die Küche ein Gefühl für eine Gegend, ein Land. Die Deutschen essen Wurst: 55 Prozent mehrmals die Woche. 26 Prozent täglich. Viele schon zum Frühstück. Jeder kennt die bayerischen Weisswürste. Die gibts allerdings nur vormittags. Zum Zmittag wollen wir wirklich typisch essen.

Dazu fahren wir nach Hof. Vor 20 Jahren war hier die freie Welt zu Ende. Hof war Zonengrenze. Dahinter der Todesstreifen. Als die Grenze aufging, knatterten die Ossis mit ihren Trabis nach Hof, überschwemmten die Stadt, sorgten wochenlang für Chaos. Heute ist Hof bloss eine gepflegte bayerische Kleinstadt mit einer regionalen Spezialität: Wärschtlamo. Was? Wärscht versteht man noch knapp als Wurst aber Wärschtlamo? Auf zum nächsten Wurstverkäufer. Der Weg ist nicht weit. Würste bieten sie hier an jeder Ecke an. Wiener Würstchen, Bauernwürste, Weisswürste, Gnagger. Welches sind denn nun die Hofer «Wärschtlamo»? Er grinst: «Sie betonen das falsch. Sonst würden Sies verstehen.» Es dauert noch einen Augenblick, dann fällt der Zwanziger: Wärschtla-mo heisst Würstchen-Mann.

Der hier strahlt breit und erklärt die über 120-jährige Geschichte der Wärschtlamo in Hof, deren Geheimnis ihr Messingtopf ist, erfunden im 19. Jahrhundert von einem Hofer Metzger. Geheizt wird mit Holzkohle, die Würste liegen im Wasserdampf und werden schonend gegart. Die Wärschtlamo sind eine Hofer Institution. So sehr, dass unser Wurstverkäufer schon bald weg muss. Zur Beerdigung eines Stammkunden, der sich gewünscht hatte, dass beim Leichenschmaus Würste ausgegeben werden.

Weiter geht die Reise in den Osten. Von Bayern nach Sachsen. Von Hof nach Chemnitz. Zu DDR-Zeiten war das Karl-Marx-Stadt. Noch immer erinnert ein gigantischer Marx-Kopf im Zentrum an diese Zeit. Aus dem Stadtnamen wurde Marx getilgt. Aber mit dem Kopf haben die Chemnitzer ihren Frieden geschlossen. Als «Stadt mit Köpfchen» präsentiert man sich kokett den Touristen. Im Tourismusbüro kann man einen Marx-Stick kaufen: Aussen Marx, innen Speicher für den USB-Anschluss am Computer. Was man Marx in den Kopf trichtert, ist jedem selbst überlassen.

Die Parallelwelt der Neonazis

Wir sind in Chemnitz mit Christian Papsdorf verabredet. Weil Papsdorf einen Container und einen Parkplatz gemietet hat. Der Container ist eine Info-Box, die über die Symbolik von Rechtsextremen aufklärt. Nazi-Symbole und Slogans sind in Deutschland verboten. Die Neonazis pflegen deshalb Camouflage. Sie tragen beispielsweise Shirts mit der Zahl 28. Die Ziffern verweisen auf die entsprechenden Buchstaben im Alphabet, also BH. BH wiederum steht für «Blood and Honour», eine verbotene Neonazi-Organisation. Mit solchen Zeichen entsteht eine Parallelwelt. Der Container von Papsdorf klärt darüber auf. Sinnigerweise befindet sich der gemietete Parkplatz, auf dem der Container bis vor kurzem stand, genau vor einem Laden, der Kleider verkauft, die mit diesen Codes spielen.

Papsdorf ist 25-jährig, Soziologe. Niemand käme auf die Idee, dass dieser zurückhaltende junge Mann vor einem Laden, den Neonazis besuchen, einen provokativen Container hinstellt. Mehr noch: dass er da auch noch seine Handynummer hinterlässt. Grossartige Gespräche mit unheimlich vielen Leuten hätten sich so ergeben. Anrufer, die sich zuerst als Sympathisanten der Rechten bezeichneten, hätten ihm am Schluss alles Gute gewünscht, strahlt Papsdorf. Wie ist das möglich? «Ich habe das Gespräch immer mit einer Frage begonnen. Wenn mich die Leute beschimpft haben, habe ich gefragt, was sie denn genau an dem Container stört.»

Persönlich bedroht wurde Papsdorf nie. Aber am Container liessen die Neonazis ihre Wut aus. Altöl wurde drüber gekippt, Farbanschläge gab es regelmässig, und dauernd wurden die Informationsplakate überklebt. «Witzigerweise hat sich das die Waage gehalten. Ich habe nie etwas abgekratzt, und trotzdem verschwanden die Kleber immer wieder.» Mit wenig Geld und vier Getreuen entstand so eine Aktion, die er für rundweg gelungen hält. «Mitte gegen Rechts - Chemnitz» nennt sich die Bürgerinitiative, die nicht mehr länger zuschauen will, wie die Rechten den öffentlichen Raum besetzen.

Ein Land von Bürgerinitiativen

Natürlich schafft so ein einzelner Container keine bessere Welt. Aber Deutschland ist voll von Bürgerinitiativen, die mit viel Energie, Fantasie und Courage den Rechtsextremen die Stirn bieten. Damit nie wieder ein Klima entstehen kann, in dem so etwas wie das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg möglich wird. Das ist harte Arbeit. Gerade in Chemnitz, besonders in Sachsen, wo die rechtsextreme NPD bei den letzten Landtagswahlen mit 9,2 Prozentpunkten nur 0,6 Punkte hinter der SPD zu liegen kam.

Dass sich die Situation ohne solches Engagement rasch verschlechtern könnte, sieht man in Chemnitz sofort. Die Stadt wirkt, als käme sie mit dem Tempo der Welt nicht mehr mit. Ein Drittel seiner Einwohner hat Chemnitz seit 1989 verloren. Heute sind es noch 240 000. Die Folgen sind unübersehbar: Die breiten Einfallstrassen liegen abends verwaist da, der Brühl - einst die belebte Haupteinkaufsstrasse - lebt nur noch matt an beiden Strassenenden. Dazwischen gähnen tote Fenster, klagen verrammelte Geschäfte von gescheiteren Träumen. Wie Pusteln finden sich über die ganze Stadt verteilt zerfallende Fabriken. Nachts um drei weckt mich Gegröle. Vielstimmig tönt es vor dem Hotel: «Deutschland! Ausländer - Ausländer - Ausländer - RAUS!»

© Sascha Buchbinder, Berlin

zweiter teil

Dr. Sascha Buchbinder
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