Sascha Buchbinder

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Reportage

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Die bayerische Lederhose ist kürzer geworden

Die CSU-Regierung sinkt in Umfragen unter 50 Prozent, ein Jungsozialist, schwul und evangelisch, kegelt einen konservativen Bürgermeister aus dem Amt. Es gärt im Freistaat Bayern.

Es gibt Augenblicke, da verdichten sich die Ereignisse zu einem surrealen Tableau: Neujahrsempfang 2007, Kaisersaal in der bayerischen Staatskanzlei. Auf der Bühne steht eine Behinderten-Kapelle. Die Musiker, klein gewachsen, mit Mondgesichtern, verdrehten Augen. Vor ihnen, doppelt so gross, der hoch aufgeschossene bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Seit Tagen fordert ihn die Fürther Landrätin Gabriele Pauli zum Rücktritt auf. 1500 Gäste drängen sich im Saal. Alle wollen dabei sein, beim letzten Empfang Stoibers. Doch der Ministerpräsident gibt Durchhalteparolen aus. «Bleiben Sie, solange Sie wollen», ruft er den Zuhörern zu. Eine Frau stöhnt: «Oh mein Gott!», bricht zusammen. Sanitäter hasten durch den Saal. Ungerührt redet Stoiber weiter. Zugleich meint man, hinter den prächtigen Tapeten ein Rieseln zu hören. Stoibers Macht zerbröselt. Hört sich an, wie rieselnder Sand. Sechs Tage später ist die 14-jährige Ära Stoiber Geschichte. Landesinnenminister Günther Beckstein und Wirtschaftsminister Erwin Huber putschten ihren Chef weg. Inzwischen haben die beiden Stoiber als Ministerpräsident und CSU-Vorsitzenden ersetzt. Aber die Erosion der Macht schreitet voran.

«Die CSU-Masche zieht nicht mehr»

Wer heute die Probleme der CSU studieren will, reist am besten nach Bodenmais. Ein schläfriger Kurort, 3400 Einwohner, im erzkatholischen, stockkonservativen Niederbayern. Im März waren Kommunalwahlen, und die Wähler haben kurzerhand den seit 18 Jahren regierenden CSU-Bürgermeister abgewählt. 56 Prozent stimmten für einen Kandidaten, der alles ist, was ein echter Niederbayer nicht sein sollte: Student, Sozi, schwul, evangelisch. Michael Adam heisst der neue Bürgermeister von Bodenmais. Ein smarter 23-Jähriger, mit Anzug und gegelten Haaren, der ungerührt feststellt: «Die CSU-Masche zieht halt nicht mehr.» Früher hätten die CSU-Politiker den vorpolitischen Raum erfolgreich besetzt, in den Köpfen der Bayern eine Gleichsetzung von Partei und bayerischer Identität erreicht. Doch inzwischen fehlt der Partei diese Erdung. In Bodenmais hatten die Wähler den Eindruck, dass sich der CSU-Bürgermeister nicht für sie interessiert. Anders der Jungsozialist Adam, Mitglied in jeden Verein im Ort. «Ich geh auch dahin, wos wehtut», lautet sein Bekenntnis. Er marschiert auch bei «Weiss-Blau-Königstreu» mit, einem Verein zur Brauchtumspflege. «Weil man die Inhalte anders rüberbringen kann, wenn man in den vorpolitischen Raum eindringt.» Er ist überall mit von der Partie - ausser bei Mütterverein und Frauenbund.

«So haben die Leute gemerkt: Das ist eigentlich kein böser Sozi», meint Adam. Deshalb habe dann auch die Abwehrschlacht der CSU, die ihn als stalinistisch geschulten Kommunisten bekämpfte, nicht verfangen. Adam als böser Kommunist? Kaum vorstellbar. Kein böses Wort über seinen Vorgänger kommt ihm über die Lippen. Unser Treffen findet nicht im Bürgermeisterbüro statt, obwohl das leer steht: Der abgewählte Bürgermeister ist in den Ferien. Trotzdem will Adam sein künftiges Büro nicht vorzeitig betreten. Wir treffen uns stattdessen im Raum der Touristeninformation, gehen in ein Sitzungszimmer, vorbei an der Galerie mit Adams Vorgängern. Deutlicher könnte man die neue Zeit kaum illustrieren: Hier der jugendliche Bürgermeister, der vor Ideen sprüht. Da die Fotos von früher. Lauter gestandene Mannsbilder.

Auf die Frage, ob er mit seiner Wahl gerechnet habe, lacht er verlegen: «Eigentlich nicht.» Der Erfolg hat sein Leben durcheinander gebracht. Der Bürgermeister wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern in Bodenmais. Das Politik-Studium in Regensburg will er neben einem 18-Stunden-Arbeitstag noch irgendwie zu Ende bringen. Und später? Die Bundespolitik würde ihn reizen. Doch vorher muss er sich mindestens eine volle Amtszeit - also sechs Jahre - in Bodenmais bewähren. «Alles andere würde der Wähler nicht goutieren», meint Adam. Glaubwürdigkeit beim Wähler, das ist das Kapital, das zählt.

Nervöse Tage in Bayern

Das Vertrauen der Wähler. Hier nistet das Virus, das die CSU schwächt. Es scheint paradox: 60 Prozent wählten die Partei 2003. Eigentlich müsste die CSU voll im Saft zu stehen. Doch statt Siegesgewissheit geht Angst um in der Staatskanzlei. Angst verbreiten derzeit vor allem die Freien Wähler. Die Gruppierung ist ein Mittelding zwischen einer professionellen Partei und einer Bürgerinitiative. Die Freien Wähler sind stolz darauf, keine Partei zu sein, stolz darauf, dass ihre Vertreter ehrenamtlich arbeiten. Bei den Kommunalwahlen war die Amateurtruppe der grosse Gewinner. Im Herbst wollen die Freien Wähler erstmals ins Landesparlament einziehen. Laut neusten Umfragen könnten sie die Fünf-Prozent-Hürde knacken. Wenn das gelänge, wäre die Vorherrschaft der CSU erstmals seit 50 Jahren ernsthaft in Gefahr.

Dass das gelingt, ist das Ziel von Hubert Aiwanger. Er ist Landeschef der Freien Wähler. Eigentlich ist der 36-jährige Aiwanger Bauer. Mit seinen Eltern bewirtschaftet er einen Hof in Rahstorf, einem 70-Seelen-Ort in der Nähe von Landshut. Doch seit März trifft man ihn immer seltener im Stall bei seinen Schweinen. Plötzlich interessieren sich alle für die Freien Wähler. Gleich nach unserem Treffen hat er eine Verabredung mit den Metzgern in Landshut. Überall im Land entstehen neue Gruppen, melden sich Leute, die sich engagieren wollen, erzählt er. Noch 2003 sei das ganz anders gewesen. Da hätten sich Leute nicht getraut, gegen die CSU zu kandidieren, aus Angst vor beruflichem Karriereknick, behauptet Aiwanger. Aber: «Nach dem 60-Prozent-Wahlsieg sind der CSU alle Sicherungen durchgebrannt.» Die früher im Volk verwurzelte Partei habe nicht mehr auf die Leute gehört, auf Kritik nicht mehr reagiert.

Stoiber und seine Truppe glaubten, alles besser als alle anderen zu können. Währenddessen wuchs die Wut. Zunächst gegen den Möchtegern-Kanzler Stoiber: «Aber er war nur das Aushängeschild eines diktatorischen Stils. Dieses zweifelhafte Machtverständnis ist auch seinem Nachfolger Erwin Huber in Fleisch und Blut übergegangen.» Huber handle nach dem Motto: «Wer den Teich trockenlegen will, braucht mit den Fröschen nicht zu reden.» Wie eine Registrierkasse rattert Aiwanger das Sündenregister der CSU seit 2003 runter: die brachial durchgedrückte Verwaltungsreform, die kostenpflichtigen Schulbücher, die überstürzte Kürzung des Gymnasiums von 9 auf 8 Jahre, das Kappen der Fördergelder für den ländlichen Raum, die Streichung von Mitteln für den Nahverkehr. Stattdessen sollte auf Biegen und Brechen eine Magnetschwebebahn zum Flughafen her. Die Gesundheitsreform löste den Ärzte-Protest aus, und das strengste Rauchverbot Deutschlands brachte die Wirte in Rage. «Wir haben eine vorrevolutionäre Stimmung im Land», zitiert Aiwanger aus einem Brief, den ihm ein Sympathisant schickte. «Das ist hoch gegriffen, aber es hat schon was», meint er, sinkt behaglich lachend tiefer in den Stuhl und fügt hinzu: «Die Bevölkerung will wieder mehr Freiheit.» Schlaf? Braucht Aiwanger derzeit kaum.
Nervöse Tage sind das, in denen CSU-Honoratioren ihr Amt verlieren, die Partei die Schwingungen in der Bevölkerung nicht mehr wahrnimmt, sich darauf versteift, ihrem Ehrenvorsitzenden Stoiber eine Magnetschwebebahn als Denkmal zu bauen - nur um sich dann dieses kostspielige Spielzeug von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) wegen des zu hohen Preises entwinden zu lassen. Ein kläglicher Kampf war das, der zeigte: Der bayerische Löwe hat keine Zähne mehr.

Raucher in Rauflust

Wer derzeit wissen will, was bayerische Rauflust ist, wird ausserhalb der CSU fündig. Zum Beispiel beim «Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur (VEBWK)». Die bayerische Wirtshauskultur, die der VEBWK erhalten will, das ist die Freiheit, in geschlossenen Räumen zu qualmen. «Raucher werden wie Hunde vor die Tür geschickt», schimpft Michael Scheele. Scheele trägt grauen Anzug mit rosa Hemd, halblanges grau-blondes Haar, eine Sonnenbrille und zieht innig an seiner Zigarette. «Wir lassen uns die Gemütlichkeit nicht verbieten!», schiebt er nach. Als Anwalt des VEBWK kämpft Scheele vor Verfassungsgericht gegen das Rauchverbot.

Bayern hat die strengsten Nichtraucherschutz-Gesetze Deutschlands. Der neue Fraktionschef, Georg Schmid, wollte mit harter Hand seine Entschlossenheit demonstrieren. Doch das Manöver geriet zur Posse. Kaum erlassen, musste die CSU das Gesetz schon nachbessern und den Nichtraucherschutz für das Oktoberfest 2008 ausser Kraft setzen. Chaos drohte. Zugleich wurden landauf, landab Restaurants zu Raucherklubs umdeklariert. Allein in München stiessen die Behörden bei der Kontrolle von 2000 Restaurants auf 700 Raucherklubs. Nur wenige Wochen nach der Gründung ist der VEBWK bereits der drittgrösste Klub im Land. Nur die Kicker von Bayern-München und der ADAC scharen noch mehr Mitglieder um sich, als die renitenten Raucher.

Präsident des Vereins ist Franz Bergmüller. Ein Nichtraucher mit Glatze und stechenden, grauen Augen. Sein Herz schlägt für die Raucher, weil er den Gasthof Bergmüller betreibt. Nach fruchtlosen Gesprächen mit der CSU lautet sein Ziel: «Die Arroganz der Staatsmacht brechen!» Die CSU soll unter 50 Prozent gedrückt werden. Der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur propagiert die Wahl von FDP und Freien Wählern. Derzeit versuche die CSU, sich durch «Augenauswischerei» aus dem Umfragetief zu retten. «Aber durch Aufklärungsarbeit wird der Bürger schon wissen, was er von Aussagen halten soll, die vor zwei Monaten noch ganz anders gelautet haben», grollt Bergmüller.

Was die Raucher so gefährlich macht, ist nicht die Liebe zur Zigarette. Es ist vielmehr der Zorn von Leuten, die sich immer mehr gegängelt fühlen. Jürgen Koch, Kandidat der FDP, ist überzeugt: «Jetzt sind es nur die Raucher, aber irgendwann ist jeder mal dran.» Seit 2003 sei die Arroganz der CSU einfach grenzenlos. Ganz ähnlich sieht das der Hausarzt Jan Döllein. Döllein ist seit zwölf Jahren Gemeinderat, seit sechs Jahren Kreisrat. Für die CSU. Er lebt im oberbayerischen Winhöring. Das ist gleich neben dem Wallfahrtsort Altötting. Auch hier sehen die Menschen die bayerische Lebensart bedroht. Ende Januar war Döllein an einer Demo. Gegen die Gesundheitsreform. Anschliessend kam die Ernüchterung: Von gut 8000 Hausärzten waren 7000 auf die Strasse gegangen. Aber in der Presse war Schweigen.

Döllein verstand das nicht. Er begann zu recherchieren, und was er dann erlebte, erinnert ihn an den Film «Matrix», wo der Held erwacht und sieht, dass die vertraute Welt Kulisse ist, dass die Menschen wie Vieh gehalten und ausgebeutet werden. Dölleins Erwachen bescherte ihm eine Ahnung davon, welche Macht eine Gruppe wie Bertelsmann hat, die über RTL, Gruner & Jahr sowie eine freundschaftliche Verbindung zum Springer-Verlag die stärkste Medienmacht im Lande ist und zugleich über die Bertelsmann-Stiftung Politik und Medien mit Studien zum Reformstau im Gesundheitswesen versorgt. Gleichzeitig ist die Familie Mohn, die hinter Bertelsmann steht, auch im Gesundheitssektor tätig. Beispielsweise, indem die Bertelsmann-Tochter Arvato den Milliardenauftrag für die Produktion einer bundeseinheitlichen Patientenkarte erhielt.

Von der Wut zum Flächenbrand

«Der Mensch lebt - von der Wiege bis zur Bahre - als zu nutzender Wirtschaftsfaktor im Land», lautet Dölleins Fazit. Eine kleine Elite beute das Volk als Rohstoff aus. Wenn er das so vor sich ausbreitet, die Macht der Bertelsmann-Gruppe einerseits und die Resignation der Ärzte, die sich vor einer Welle von Konkursen wegen der neusten Gesundheitsreform fürchten, andererseits, wird ihm schwindlig: «Ich habe Angst vor diesen Verstrickungen und erst recht vor dem Gedanken, in einem Land zu leben, das längst in den Händen von Konzernen ist.»

Döllein hat deswegen einen offenen Brief verfasst. Titel: «Was derzeit wirklich passiert». Sechs Seiten DIN A4, ein Brandbrief, der per E-Mail kursiert. 1300 Antworten habe er bekommen - drei davon negativ. Es sind Ärzte wie Döllein, die der CSU derzeit am meisten Bauchweh bereiten. Bei den Ärzten hat sich die Wut zum Flächenbrand ausgeweitet. In den Praxen liegen Appelle gegen die CSU auf. Und was der Dorfarzt sagt, das hat Gewicht. Wenn Freiberufler sich gegen die Regierung stemmen, wenn CSU-Mitglieder wie Döllein sagen: «Wir müssen kämpfen! Für die Libertas Bavaria!», dann ist der innerste Kern der CSU-Macht morsch.

Die bekannte Formel für den Erfolg Bayerns lautet «Laptop und Lederhose». Der Stabreim suggeriert, dass Fortschritt und Tradition zu einer Symbiose gefunden hätten. Aber in letzter Zeit «ist die Lederhose kürzer geworden», warnt Heinrich Oberreuter, Politologe und CSU-Mitglied. Die Tradition gerät zur Folklore. Für Zehntausende von Einwanderern aus anderen Bundesländern, die neu in Bayern leben, ist die Lederhose bloss exotisch. Aber auch die Alteingesessenen erleben, dass sich die Welt wandelt. Stoibers Reformeifer war sogar der Lederhosenzuschuss für Trachtengruppen nicht heilig. Die Globalisierung hat Bayern erfasst.

© Sascha Buchbinder, Bodenmais

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