Sascha Buchbinder

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Porträt

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Angela Merkels Politik der Pellkartoffel

Die deutsche Kanzlerin war selbst im Provinzkaff Templin, wo sie aufwuchs, eine graue Maus. Inzwischen regiert sie Deutschland und macht die Unscheinbarkeit zur Stärke.

Jedes Kind kennt sie. Trotzdem bleibt sie die Fremde. In den zwanzig Jahren seit dem Mauerfall hat es Angela Merkel ganz an die Spitze geschafft. Sie verfügt über Macht. Und die Deutschen finden: Sie macht ihre Arbeit gut. Trotzdem knirscht ihre Wahlkampfmaschine auf den letzten Metern bedenklich. Im Schlussspurt legt die SPD in Umfragen zu, und die Union sinkt. Warum fremdelt Deutschland mit Merkel? Vielleicht sollte man die Beobachtungen noch einmal neu sortieren, noch mal alles durchdenken. Ganz von vorn.

Aufgewachsen im Rentnerparadies

Von vorn heisst bei Merkel: Templin. 16 000 Einwohner, eine Kleinstadt etwa 80 Kilometer nördlich von Berlin. «Die Perle der Uckermark» steht auf dem Ortsschild. Was bitte ist die Uckermark? Ein Landstrich, der davon lebt, dass es hier noch nie etwas gab. Keine Perlen. Nichts. Das Einzige, was es wirklich im Überfluss gibt, ist Menschenleere. Viel Wald, ein See, noch mehr Wald, der nächste See. 180 Seen gibt es um Templin, die Strassen schlängeln sich unter Laubdächern dahin. Die Uckermark ist idyllisch. Oder hinterwäldlerisch. Für die Berliner ist Templin das Kaff, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Templin ist seit Menschengedenken unwichtig. Das belegt die intakte Altstadt hinter einer vollständig erhaltenen Stadtmauer: Geduckte Häuser zeugen von bescheidenen Verhältnissen. Dafür galt Templin schon zu DDR-Zeiten als schön beschaulich. Hier wurde keine Industrie angesiedelt. Stattdessen wurden Datschen, also Ferienhäuser, gepflanzt. Von der Fläche her wurde Templin so zur fünftgrössten Stadt Deutschlands. Datschen sind niedrig, die Landschaft ist platt, und Platz ist im Überfluss vorhanden. Der Ort ist grau. Grauhaarig. Wer in Templin unterwegs ist, bewegt sich mit der Gelassenheit von Menschen, die nichts mehr müssen. Rentner schätzen die Stadt: In wenigen Minuten ist man im Grünen; Templin hat ein eigenes Krankenhaus und ein Heilbad. Eine Universität gibt es keine, also zog die Jugend seit Generationen nach der Schule weg. Seit ein paar Jahren aber wächst Templin wieder. Dank Rentnerzuwanderung.

Eine Aussenseiterin

Hier in der verschlafenen Provinz wurde Merkel als Angela Kasner, genannt Kasi, erwachsen. Als Tochter eines Pastors, der 1954 mit seiner Frau und der sechs Wochen alten Tochter von Hamburg in den Ostsektor zog, weil ihn die Kirche dort brauchte. Dass Merkel aus Templin stammt, stimmt deshalb nur fast. Geboren wurde sie in Hamburg. Meist wohnte sie auf dem Waldhof, einer kirchlichen Behindertenwerkstatt etwas ausserhalb. In einer Stadt ohne Bus, in einer Zeit, da man 13 Jahre auf seinen Trabi warten musste, war der Waldhof ab der Welt. Ausserdem waren den Templinern «die Bekloppten» des Waldhofs nicht ganz geheuer. Und dem Staat waren die Christen nicht geheuer. Merkels Leben beginnt also in jeder Hinsicht mit der Erfahrung, eine Aussenseiterin zu sein.

«Sie hat darunter gelitten», meint Hans-Ulrich Beeskow. Er war ihr Mathelehrer im Kreisklub, der Förderklasse für die besonders Begabten. Beeskow weiss, was es bedeutete, in der DDR Christ zu sein. Er selbst war in der evangelischen Freikirche engagiert, konnte deswegen keine Karriere machen. Angelas Mutter bläute ihr ein: Als Christin muss man immer besser sein als die anderen. Also strengte Merkel sich an. Zugleich versuchte sie, anzukommen bei den anderen. Sie war immer fleissig, eckte nie an. Eine Idealschülerin. Nur einen Vorbehalt haben ihre Lehrer und Mitschüler heute noch in Erinnerung: Die Kasi war immer ernst, nie ausgelassen.

Schon als Siebenjährige lernte Angela, dass es nicht reicht, gut zu sein. Der Vater hatte ihr verboten, den Jungen Pionieren, der Jugendorganisation der SED, beizutreten. Also bekam am Ende des Schuljahres nicht Angela, sondern ein junger Pionier die Auszeichnung als bester Schüler. Das änderte sich später. Angela wurde Mitglied des sozialistischen Jugendverbandes FDJ. Die junge Sekretärin für Agitation und Propaganda trug das blaue Hemd der Parteiorganisation sogar im Unterricht. Wenn sie selbst darauf angesprochen wird, klingt das heute, als sei das Amt eine Art Ticket für Kulturanlässe gewesen. Lothar de Maizière, der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR, dagegen erklärt bündig: «Jeder hatte damals irgendein Amt.»

Angela war also irgendwie dabei, wollte dabei sein, in der DDR. Sie war Spitze punkto Leistung und sorgte dem Mobbing vor, indem sie die anderen abschreiben liess. Sie schaffte es in Mathematik zum landesweiten Wettbewerb, und in Russisch war sie so gut, dass sie 1970 sogar zum Wettbewerb nach Moskau durfte. Dort kaufte sie ihre erste Beatles-Platte. Fortan schallte es über den Waldhof bei Templin: «We all live in a yellow submarine».

Heimat im Exil

Trotzdem blieb Angela Aussenseiterin. Eine graue Maus sei sie gewesen, erzählen ihre Mitschüler. Sie gehörte zum CDU, dem Club der Ungeküssten, lästert einer. Sie sammelte keine Liebschaften. Sie sammelte Kunstpostkarten. Wenn man heute durch Templin geht, stösst man beim Thema Angela Merkel auf eine Wand von Desinteresse. Es ist nur eine Stichprobe, und sie krankt daran, dass die ersten Befragten in Templin Rentner auf Urlaubsreise sind. Die zweiten auch. Der Dritte, endlich ein echter Templiner, mag kein Wort verlieren über Merkel. Reporter deutscher Medien blitzten in Templin schon mehrmals ab. Die Norddeutschen sind eher verschlossen. In der DDR haben die Menschen ausserdem gelernt, nicht zu vertrauensvoll daherzuplappern. Aber das ist nur die halbe Erklärung. Merkels einstiger Lehrer Beeskow jedenfalls bestätigt: «Für viele ist sie keine von uns.» Weil sie ihre politische Heimat, ihren Wahlkreis,in Mecklenburg-Vorpommern hat. «Dabei haben die sie doch nicht gewählt!» Nur weil Merkel in Brandenburg nicht zur Landesvorsitzenden gewählt wurde, sei siepolitisch nach Mecklenburg-Vorpommern ausgewichen. Templin aber sei Merkels Heimat. Da ist sich Beeskow ganz sicher.

Allerdings: Wenn Merkel über Templin redet, dann klingt das wie der Text aus einer abgewetzten Tourismusbroschüre. Das einzige Mal, da sie in den letzten Jahren ungekünstelt das Wort Heimat benutzte, das war Anfang Jahr. Da hatte sie von der New York New School in Exile die Ehrendoktorwürde verliehen bekommen. Damals sagte sie gerührt: «Ich habe ein kleines Stück neue Heimat gewonnen.» Ganz bei sich selbst ist Merkel also im Kreis der heimatlosen Intellektuellen der New School in Exile.

Aber verbunden ist sie der Uckermark noch immer. Das zeigt die Tatsache, dass hier ihre Datsche steht. Unweit von Templin, in Hohenwalde. An freien Wochenenden kommt Merkel hierher. Der Weg nach Hohenwalde führt immer tiefer in den Wald. Grobes Kopfsteinpflaster schüttelt die Autos der Besucher durch. Der Weiler selbst besteht aus ein paar Häusern entlang der Strasse. Das einzige Haus, das schmucklos grau aussieht, gehört Merkel. Zu erkennen an dem Bretterverhau auf dem Grundstück, in dem die Polizisten hausen, die das Ferienhaus bewachen müssen. Einer, der mal drin war, erzählt: Eingerichtet ist sie wie eine Studentenbude. Der CD-Player steht auf dem Fussboden. Die Einrichtung: ein Kunstharztisch und Kunststoffstühle, schmucklos, asketisch.

Wie anders der Alltag 80 Kilometer südlich. Wie anders und doch passend. Merkels Alltag in Berlin hat mit dem Kanzleramt einen Prunkbau als Kulisse. Allein der Kanzlerschreibtisch: Vier Meter lang. 17 Meter muss man durch dieses riesige Büro gehen, bis man am Tisch steht. Ein Weg, extra lang, damit Besucher klein werden können. Bei Merkel allerdings ist der Tisch leer. Bis auf ein kleines Porträt von Katharina der Grossen. Merkel waren die 17 Meter vom Sekretärinnenbüro bis zu ihrem Platz zu umständlich. Wenn heute Besucher in dieses 140 Quadratmeter grosse Kanzlerbüro kommen, sehen sie die Chefin erst auf den zweiten Blick. Sie arbeitet an einer Ecke des Konferenztisches, neben sich etwas Gemüse, wo bei anderen eine Obstschale steht.

Inszenierte Schmucklosigkeit

Merkel hat einen neuen, einen ganz neuen Stil für die Darstellung der Macht gefunden: Sie verzichtet gänzlich darauf, ihre Macht darzustellen. Beim Empfang von Staatsgästen, auf dem roten Teppich, ignoriert sie den Takt der Marschmusik. Wenn ihr der Applaus zu viel wird, pustet sie schon mal verlegen die Fransen aus der Stirn. Wenn sie selbst applaudiert, dann patscht sie die Hände, durchgedrückt wie ein Kind. Und wenn Merkel gefragt wird, ob sie die richtige Kanzlerin für die Krise sei, kommt keine grossartige Zeitdeutung, sondern ein flapsiges: «Glaub schon.»

Damit passt sie eigentlich nicht in dieses bombastische Kanzleramt. Aber sie passt zu einem Land, das Bombast misstraut. Nicolas Sarkozy kann in Frankreich Hof halten wie ein Erbe des Königs. In Deutschland dagegen müssen sich Politiker klein machen. Sie müssen im TV Milchpreise aufsagen, um zu beweisen, dass sie letztlich auch nur ganz normale Menschen sind. Lappalien wie privat genutzte Bonusmeilen, falsch abgerechnete Kilometer mit dem Dienstwagen beenden in Deutschland Karrieren. Sarkozy dagegen planscht ungeniert im Pool der Jacht seines reichen Freundes Vincent Bolloré. Wenn die Kanzlerin den Chef der Deutschen Bank zum Essen ins Kanzleramt einlädt, raunt der Blätterwald von Filz. Inzwischen behauptet Merkel, ihr Lieblingsessen sei Roulade mit Kartoffeln. Müsste man ihren Politikstil beschreiben, man käme zum selben Ergebnis: Politik wie Pellkartoffeln. Die stellen nichts dar, machen aber satt.

Merkels Weigerung, ihre Macht darzustellen, kommt richtig gut an bei den Menschen. Mehr noch: Ihre tapsigen Bewegungen, ihre flapsigen Antworten machen sie immun gegen Angriffe. Ihre Ungelenkheiten appellieren an das Kindchenschema in den Köpfen der Menschen. Man möchte sie beschützen gegen Angriffe, weil sie so verloren wirken kann.

Selbst Profis sind auf Merkels Masche hereingefallen. SPD-Fraktionschef Peter Struck sagt: «Ich habe meine Leute gewarnt: Unterschätzt mir die Merkel nicht.» Schliesslich sei ihre Skalpsammlung besiegter Parteifreunde eindrücklich. Umsonst. Zum Ende der Legislatur resümiert Struck: «Wir haben sie eigentlich alle unterschätzt.»

Dabei verbirgt sich hinter der Fassade der Unbeholfenheit eine knallharte Machiavellistin. Als Helmut Kohl neulich gefragt wurde, was diese Frau eigentlich will, antwortete er knapp: «Macht!» Wenn man ihren Mathelehrer Beeskow fragt, ob er in Merkel noch die kleine Angela erkennt, dann bejaht er nach kurzem Zögern und nennt dann eine Eigenschaft, die ihm an seiner Musterschülerin so gefiel: «Wenn man ihr eine richtige Knacknuss vorgelegt hat, dann hat sie nicht aufgegeben. Wenn sie die Aufgabe nicht gleich lösen konnte, dann hat sie zuerst mal versucht, abzuschätzen, wo die Lösung etwa liegen könnte.» Inzwischen hat sie das perfektioniert und sagt von sich selbst, sie denke die Dinge vom Ende her.

Man kann sich vorstellen, wie das geplante Ende der ersten Regierung Merkel von ihr gedacht war: Im zweiten Anlauf gelingt der Machtwechsel hin zu Union und FDP. Das dicke Ende für den Koalitionspartner ist der Punkt, von dem aus Merkel ihre Amtszeit geplant hat. Deshalb waren ihr die eigenen Slogans von Reformieren und Sanieren nur halb so wichtig. Deshalb konnte sie zuerst behaupten, dass das Land ein Sanierungsfall sei und trotzdem im Aufschwung weiterhin neue Schulden anhäufen. Oder glaubt noch jemand, dass das alles Zufall war? Dass eine Physikerin, eine reformierte Pastorentochter ohne Plan 1990 in die Politik ging, zufällig CDU-Vorsitzende und erste Kanzlerin Deutschlands wurde? Wer so denkt, unterschätzt Merkel noch immer.

© Sascha Buchbinder, Templin

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