Sascha Buchbinder

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Porträt

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Unser Mann in Berlin

Ein Diplomat mit Kriegserfahrung. Botschafter Tim Guldimann provoziert gern: «Wir brauchen Deutschland, um uns abzugrenzen.»

Früher war Schampus. Heute gibts Rivella. Dazu Cervelat und «ne Schrippe», ein mehliges Brötchen. Zu Thomas Borers Zeiten waren Einladungen zum 1. August in die Botschaft in Berlin glamourös. Von Shawne Fielding schwärmt die Berliner Schickeria noch heute. Doch seit Kanzlerin Angela Merkel dringend Geld braucht, ist Schluss mit lustig. Deutschland jagt Steuersünder, kauft gestohlene Bankdaten, führt Razzien in Schweizer Bankfilialen durch. Ein Klima, rau wie in einem Wirtschaftskrieg. Passend dazu: die Wahl des neuen Schweizer Botschafters.

Er weiss, was Krieg ist. Tim Guldimann heisst der Neue. Der 60-Jährige überlebte in Tschetschenien zwei Bombenanschläge und die Explosion einer russischen Rakete. Als Botschafter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vermittelte er 1996 einen Waffenstillstand. Seither steht er im Ruf, der beste Troubleshooter der Schweiz zu sein. Er weist das Etikett als «eine Unterstellung» zurück..

Also die Fakten: Geboren in Zürich, Studium in der Schweiz, Chile und Mexiko, Doktortitel in Deutschland. Ab 1982 im diplomatischen Dienst. 1990 schmeisst er hin, wirft der Schweiz «hektische Stagnation» vor. 1996 dann OSZE-Leiter in Tschetschenien. Danach Botschafter in Kroatien und in Iran.

2003 erkrankt seine Frau an Krebs. Guldimann lässt sich für drei Jahre beurlauben. Kennengelernt haben sich Christiane Hoffmann und er in Moskau. Sie ist 17 Jahre jünger, politische Journalistin. Damals war sie Korrespondentin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Eine Intellektuelle, die mit ihrem Mann über Politik diskutiert. Sie hinterfragt die Dinge, nennt ihn einen skeptischen 68er und zweifelt an seinem Vertrauen in die universelle Gültigkeit der Menschenrechte.

Die Frau hat keine Angst, unbequem zu sein, lästert auch mal: Was die Berufstätigkeit ihrer Frauen angehe, sei das Rollenverständnis westeuropäischer Diplomaten «traditioneller als das der offiziellen Vertreter der Islamischen Republik Iran». Beim Fototermin auf dem Botschaftsdach rückt sie seine Kleidung zurecht und neckt: «Jeder sieht, dass du kein richtiger Diplomat bist!»

Kein richtiger Diplomat? «Er ist mutig und unkonventionell», charakterisiert ihn ein Kollege aus dem EDA. Guldimann sei einer der wenigen, die sich trauen, zu handeln, ohne vorher hundert verschiedene Amtsstellen um Einwilligung zu bitten.

«Er ist blitzgescheit, weit überdurchschnittlich», lobt ihn ein Kenner internationaler Politik. Allerdings sei Guldimann manchmal zu eitel – oder wolle einfach zu viel erreichen. Im Kosovo jedenfalls sei er 2007 als Leiter der OSZE gescheitert, weil er mit undiplomatischen Äusserungen zu viele Leute gegen sich aufbrachte.

Man kann sich das vorstellen, wenn man die Lust sieht, mit der sich Guldimann in Berlin über die Hemdkragen-gestärkte Steifheit seiner Botschafterrolle amüsiert. Tag der offenen Tür: der Hausherr steht bei drückender Hitze vier Stunden im Frack auf einem Podest, stachelt Kinder zu bohrenden Fragen an.

Die Szene ist clownesk. Zumal Guldimann beim Reden grimassiert. Aber sein Anliegen, die eigene Arbeit verständlich zu machen, ist ernst: «Wenn Sie Ihren Vermieter dazu bringen wollen, einen Mangel in Ihrer Wohnung zu beheben, dann werden Sie versuchen, ihn freundlich von der Notwendigkeit zu überzeugen. Das ist Diplomatie», erklärte Guldimann vom Podest herab.

«Guldimann ist voller Selbstironie und von einer wunderbaren Gelassenheit», rühmt Schriftsteller Adolf Muschg. Ausserdem sei er ein guter Beobachter: «Er macht sich auf alles einen Vers, und der ist immer gut gereimt.»

Nun soll er gute Antworten auf deutsche Sottisen finden. Nach Peer Steinbrück, der den Eidgenossen mit Stockschlägen und Kavallerie gedroht hatte, kann es nicht falsch sein, jemanden nach Deutschland zu schicken, der Klartext mag. Die deutsche Streitkultur findet er vorbildlich: «Ich hätte in der Schweiz gern mehr Klarheit und Mut, nicht um den heissen Brei herumzureden.» Wenn man ihn fragt, ob er denn als Botschafter den richtigen Job habe, entgegnet er ungerührt: «Vielleicht nicht.»

Der Mann irritiert. Kaum im Amt, sorgte Guldimann für Schlagzeilen in der Schweiz: «Vielleicht bin ich germanophil», verkündete er. Redet so unser Cheflobbyist? «Die Deutschschweiz gehört zur deutschen Kultur», beharrt er im Gespräch und setzt noch einen drauf: «Mir scheint, dass die Schweiz für ihre Identität als Willensnation Abgrenzung braucht. Die Abgrenzung gegenüber Deutschland ist dafür ganz zentral – aber sie verstellt uns oft den objektiven Blick auf Deutschland.» Umgekehrt betrachte Deutschland die Schweiz mit einem «Wohlwollen in Unkenntnis».

Dann wird doch noch der Diplomat sichtbar, der im Streit partout nichts Negatives sehen will: Die Streitereien der letzten Jahre seien doch eine Chance, den Deutschen ihren Nachbarn ungeschönt näherzubringen.

Der kleine Nachbar. Man sollte sich hüten, im Gespräch mit Guldimann vom Kleinstaat zu reden. «Das ist unser Problem: der Kleinstaatkomplex! Man muss schon Schweizer sein, um die Schweiz für einen Kleinstaat zu halten.» Von den 47 Staaten Europas hätten nur 16 eine grössere Bevölkerung als die Schweiz, 30 seien kleiner; von der Fläche her sei weltweit ein Drittel der Staaten kleiner als die Schweiz.

Unser Problem sieht Guldimann nicht in der Kleinheit, sondern in der fehlenden Vernetzung. «Im Verhältnis zu Drittstaaten fehlt uns die Rückendeckung, und in internationalen Organisationen können wir uns gegenüber der europäischen Vormachtstellung der EU kaum mehr Gehör verschaffen.»

Aber was unser Verhältnis zu Deutschland betrifft, ist Guldimann zuversichtlich: Punktuell sei man sich nicht einig, aber grundsätzlich bestehe gutes Einvernehmen: «Das sah man im Fall Libyen, wo uns die Deutschen geholfen haben.»

Gute Nachbarn also. Doch in Berlin gabs umgehend Probleme. Mit dem Botschafter sind die Töchter Clara, 9, und Marina, 8, in die Botschaft neben dem Kanzleramt gezogen. Die Mädchen rannten sofort los, das Kanzleramt erkunden; turnten am Zaun rum und warfen Dinge rüber, die der Papi dann zurückholen sollte. Kleinstaat hin, Frack her – manchmal ist der Botschafter doch nur Bittsteller.

Schweizer Illustrierte, August 2010

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