Sascha Buchbinder

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Kolumne

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Rettet die Personenvereinzelungsanlage!

Mittwochskolumne des Münchner Merkur: Heute schreibt der Korrespondent des Züricher Tagesanzeigers über den Reiz der Amtssprache

Während der Sommerpause, als unser aller Aufmerksamkeit vom Wellenschlag vor Mallorca und Sylt eingelullt war, hat sich ungeheuerliches getan. In Bochum rotteten sich Germanisten zusammen, um deutsches Kulturgut auszulöschen. „Amtsdeutsch a. D.“ hieß die Tagung und wurde als vermeintlich innovative Spitzenleistung sogar von der Bundesregierung gefördert.
Hinter „Amtsdeutsch a. D.“ steht eine Verschwörung mit dem Ziel, deutschen Behörden verständliches Deutsch beizubringen. Die Grundsätze dabei: Verben sollen nicht zu Hauptwörtern verbogen, passive Formulierungen und Bandwurmwörter vermieden werden. Natürlich könnten Behördenbriefe schon morgen allgemeinverständlich sein. Aber so einfach ist das nicht. Denn Amtsschreiben sind Machtinstrumente. Amtsdeutsch kommt so umständlich und gespreizt daher, weil die Sätze Respekt einfordern.
Im Zug von Entbürokratisierung und Privatisierung ist es zwar chic geworden, dass sich Behörden als Dienstleister bezeichnen und behaupten, sie würden Bürger wie Kunden behandeln. Aber Behörden sind Machtapparate, sie sollen verwalten, die Interessen des Staats wahrnehmen. Und was dem Manager seine eingestreuten Brocken Business english, dem Wissenschafter sein Fachchinesisch, das sind dem Beamten seine Bandwurmwörter: Symbole seines Herrschaftswissens, Kennzeichen der Macht.
Kleinen Beamten ihre unverständlichen Formularvorlagen zu nehmen, ist eine seelische Grausamkeit. Doch die Idee, dass Amtsschreiben in Alltagssprache formuliert sein müssen, ist nicht bloß grausam, sie ist schlicht unvernünftig. Weil die Entzauberung von Amtsschreiben die Staatsmacht untergräbt. Wie wichtig es sein kann, unverstanden zu bleiben, lässt sich sehr schön bei Angela Merkel beobachten. Die Kanzlerin ist eine Virtuosin der Macht, und natürlich beherrscht sie die Kunst der Verschleierung. Ein Beispiel: Bei der letzten Pressekonferenz vor der Sommerpause wurde Merkel nach ihrer Haltung zum „Mindestarbeitsbedingungengesetz“ (was für ein Titel!) gefragt. Sorgfältig tastete sich die Kanzlerin mit einigen einleitenden Sätzen vor, und als sich ihre Rede ganz langsam dem Höhepunkt näherte, klang das so: „Die Frage, vor der wir doch stehen und auf die es vielleicht durchaus auch unter den Koalitionspartnern unterschiedliche Antworten gibt, ist die: Sollen Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt einen Lohn bekommen können, der vielleicht leicht unterhalb des existenzsichernden Mindesteinkommens liegt, gar nicht beschäftigt sein und lieber auf den Arbeitsplatz verzichten, oder soll man sich dem Gedanken einer Ergänzung von aus eigener Kraft erworbenem Lohn durch eine eventuelle Zuzahlung im Sinne des Mindesteinkommens öffnen? Ich sage eindeutig Ja.“
In diesem Ton mäandrierte Merkels frei vorgetragene Rede dann noch etwas weiter, und wer ihr zu folgen versuchte, dem schwirrte bald der Kopf. Merke: Verwirrte Journalisten sind ungefährliche Journalisten.
Als Merkels wichtigstes Projekt, die Gesundheitsreform, von der Presse in der Luft zerrissen wurde, bot die Regierung die Journalisten zum Nachsitzen auf. In Medien-Workshops wurden Redaktoren mit Detailinformationen traktiert, um sie zu zähmen. Nach dem Motto: Wer vorrechnen kann, wie der „morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich“ funktioniert, der werfe den ersten Stein. Und nun fordern ausgerechnet Politiker von ihren Beamten, nur noch verständliche Umgangssprache zu verwenden, und unterstützen „Idema“ (Internetdienst für eine moderne Amtssprache)? Um solches Verhalten zu bezeichnen braucht man kein Akronym wie „Idema“, kein Kunstwort wie „Amtssprache a. D.“. Die Umgangssprache hält dafür einen guten alten Begriff bereit: Heuchelei.
Zugegeben: Der Ruf der Amtssprache ist miserabel. Aber wenn wir unsere Vorurteile für einen Augenblick vergessen könnten: „Personenvereinzelungsanlage“ – klingt das nicht ungleich dramatischer als „Drehkreuz“? Und wie bescheiden ist die Spannung eines Kreuzworträtsels verglichen mit der Aufgabe, Sätze wie diesen zu entschlüsseln: „Die Wiederaufnahme des Streumittels durch den Streupflichtigen muss unverzüglich nach Wegfall des Erfordernisses zur Abstumpfung erfolgen.“* Vergessen Sie Sudoku! Lernen Sie die Briefe Ihrer Kommunalverwaltung auswendig!
* (Lösung: Wer im Winter Splitt streut, muss ihn nach der Schmelze wegwischen.)

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