Sascha Buchbinder

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Interview

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«Der Ideal-Bayer ist der Zugereiste»

In Bayern sind Wahlen, und der Kabarettist Bruno Jonas deutet die Seele seiner Landsleute. Er erklärt, warum der Bayer stoisch aussieht, aber immer in Bewegung bleibt.

Mit Bruno Jonas sprach Sascha Buchbinder

«Mir san mir», sagen die Bayern. Das mag für Bayern schlüssig klingen - nur versteht das leider niemand ausserhalb Bayerns. Wer seid ihr denn?

Die Bayern sind immer alles und auch nichts - könnte man sagen. «Mir san mir» ist ein bayerisches Identitäts-Mantra - für alle, die sich ganz besonders intensiv ihrer selbst vergewissern müssen. Es gibt Bayern, die brauchen das nicht. Die sind bodenständig und einfach stolz drauf, hier geboren und aufgewachsen zu sein, hier leben zu dürfen. Es gibt aber auch die sogenannten «Zuagroasten», die ein typisches Konvertitenverhalten zeigen. Die wollen nicht bloss hundertprozentige Bayern werden, sondern tausendprozentige. In Bayern sind von Anfang an Menschen aus den verschiedensten Himmelsrichtungen, den verschiedensten Kulturkreisen zusammengekommen. Insofern bestand die «Reinheit» des bayerischen Stammes schon immer in einem multikulturellen Gemisch. Nur haben es die Bayern geschafft, durch das identitätsstiftende Mantra des «mir san mir» die Zugereisten ganz schnell zu Bayern mutieren liessen. Man muss daher feststellen: Der Ideal-Bayer ist eigentlich der Zugereiste.

Es ist zum Verzweifeln: Wenn man Bayern betrachtet, steht man immer vor Gegensatzpaaren, die nicht zusammenpassen und die doch angeblich typisch sind, etwa bei der Formel «Laptop und Lederhose» oder nun beim Zugereisten als Ideal-Bayer. Muss man schielen, um Bayern zu verstehen?

Ob man Bayern verstehen kann, weiss ich gar nicht. Sicher ist bloss, dass man Bayer werden kann. Aber Sie haben Recht: Zum Bayern gehört immer auch das Schräge, das Schiefe, auch und vor allem das Gegensätzliche, die Negation. Der Dialektiker Hegel hätte sich in Bayern sehr wohl gefühlt, weil der Bayer sich immer auch als sein Gegenteil begreifen kann. Er kann Anarchist und Demokrat gleichzeitig sein und dabei immer ein Bayer bleiben.

Bisher dachte man, der Bayer ist CSU. Die beiden schienen vermählt. Aber jetzt, kurz vor der goldenen Hochzeit, ist von Krise und Scheidung die Rede. Ist einer von beiden fremdgegangen, oder was ist los?

Eine schöne, gut zugespitzte Frage! Aber wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass bei der letzten Wahl, 2003, die CSU 33 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten bekommen hat. Weil die Wahlbeteiligung relativ gering war, konnte sie damit dennoch eine Zweidrittelmehrheit im Landtag installieren. Das bedeutet: Im Grunde genommen, ist die herrschende Partei eine Minderheitspartei. Aber die Mehrheit hat nichts dagegen, dass sie regiert. Schaut so aus, als ob sich ungefähr 50 Prozent der bayerischen Bevölkerung damit abgefunden hätte.

Dieser Gleichmut ist eigenartig. Da wird bei der bayerischen Landes- bank geschummelt und gewurstelt, und am Ende fehlen Milliarden, aber die Leute lässt das kalt.

Die Verluste der bayerischen Landesbank - vier Milliarden Euro - fanden in den bayerischen Medien einen kurzen, aber heftigen Niederschlag. Da kommt vielleicht noch etwas nach. Die aktuelle Finanzkrise in den USA schlägt Wellen, die auch hier ankommen. Ich habe aber den Eindruck, dass die Bayern das Gefühl haben, dass Bayern nicht untergehen wird. Bayern hat Ewigkeitscharakter. SPD und Grüne konnten immerhin nachweisen, dass CSU-Chef und Finanzminister Erwin Huber, der im Verwaltungsrat der Landesbank sitzt, die Öffentlichkeit belogen hat. Ob das Auswirkungen haben wird auf das Wahlverhalten? Ich vermute, eher weniger. Der Wähler hat sich an so viele Lügen gewöhnt. Wenn man Vergleiche anstellt mit anderen Pleiten und Banken, dann lehnt sich der Bayer beruhigt zurück: «Ja mei», sagt er, «schauts mal die andern an, was bei denen los is. Da sa mir gar ned so schlecht dran!» Und bestellt noch eine Mass.

Umgekehrt reicht ein Rauchverbot, und die Köpfe der Bayern werden glühend heiss.

Das ist seltsam, Ja. Aber ich glaube, dass die Medien einen grossen Anteil daran haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Rauchverbot wahlentscheidend sein soll. Die Wirte können keine Regierung kippen, und die Raucher sind gesellschaftlich eher auf dem Rückzug. Allerdings muss man anerkennen, dass die Zigarettenindustrie sehr gute Lobbyarbeit leistet. Das Rauchverbot wurde zum entscheidenden Thema aufgebauscht. Aber es ist nicht das Thema der Bayern.

Es stimmt also doch: In Bayern ändert sich nie irgendetwas.

Es gibt so ein Grundgefühl von Ewigkeit. Da mag die Welt rundherum noch so gebeutelt werden, sogar im schwarzen Loch des Cern verschwinden - doch Bayern wird es immer geben. Der Schriftsteller Carl Amery (1922-2005) hat seinen Landsleuten eine Art Weltfrömmigkeit, ein «prähistorisches Gefühl von der Stetigkeit der Welt», attestiert. Anders gesagt: Es gibt eine Frömmigkeit für das Gebilde Bayern, dem eine religiöse Verehrung zusteht.

Sie meinen, Bayern sei ein utopischer Ort, am Ende gar das Paradies?

Fast. Die Sphäre mag vielen bereits paradiesisch vorkommen, aber die Bayern wissen, dass die inhaltliche Erfülltheit der Utopie noch nicht in Reichweite ist.

Rührt daher die Zerrissenheit der Bayern? Bei den Bayern in Berlin fällt mir jeweils auf, dass sie zwar unheimlich stolz sind auf ihr Bayern und gleichzeitig leiden an ihrem Land.

Der Stolz kommt daher, dass alle Deutschen Bayern als erfolgreiches Musterland anerkennen. Das bayerische Lebensgefühl, das mit der Maxime «leben und leben lassen» angestrebt wird, ist eine weltweit erfolgreiche Marke: «Extra Bavariam nulla vita, et si est vita, non est ita» (zu Deutsch: Ausserhalb Bayerns gibt es kein Leben und wenn, dann ist es keines). Und bei all diesen Sprüchen schwingt eine leise Ironie mit. Der Bayer ironisiert alles. Was er als These formuliert, nimmt er gleichzeitig zurück. Statt eine Frage zu stellen, leitet er sie ein mit dem Irrealis: «Wenn i di fragen tät, was tätst du dann sagen?» Kommunikation in Bayern ist eine fortwährende Koalitionsverhandlung. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Wenn wir beide verabredet sind, und ich komm zum Treffpunkt, dann sag ich: «I wär jetzt da.» Sie verstehen?

Ja. Der Zürcher sagt auch: «Da wär i.»

Aha. Das schau her! Der Bayer tut so, als wäre er gar nicht da, auch wenn er schon vor dir steht. Und darin kommt die bayerische Lust am Spiel zum Tragen, ein dauerndes Ironisieren, aber eben auch eine grundsätzliche Widersprüchlichkeit. Man könnte dies als immanent selbstbewussten bayerischen Widerspruch beschreiben. Im Bayern existiert ein Gegenselbst zum Selbst, auf das man sich verlassen kann. Der Bayer wirkt nach aussen stoisch, ist aber innerlich immer in Bewegung, es ist ein dauerndes «Hin und Her» und ein «Vor und Zurück», ein «Rein und Raus» und ein «Aufi und Obi».

Und wegen dieser Beweglichkeit leben Bayern und Schweizer so gut in einem politischen System ohne Opposition?

Im Wesen des Bayern ist die Negation der Negation immer angelegt. Die bayerische Dialektik hält inne, um zu überlegen, ob eine höhere Bewusstseinsstufe wirklich nötig ist. Die CSU würde sagen: «Was brauchen wir eine Opposition? Die besorgen wir selber, weil das keiner besser kann als wir selbst.»

Eigenartig finde ich, dass die Bayern Wahlkampf als eine Art Viehschau betreiben. Egal, ob jeweils Gabriele Pauli, Horst Seehofer oder Frank-Walter Steinmeier auftritt - die Wähler diskutieren anschliessend: Ist der sexy? Sieht die auch gut aus?

Da spielt die Übermacht der Medien eine grosse Rolle. Wenn alles nur noch über Optik läuft, wenn alles eine Frage des Marketing ist, dann wird auch die Politik zu einer Frage von Marketing und Emotionen. Die Leute spielen das Spiel der Medien mit.

Das könnte den Erfolg von Gabriele Pauli, die ihren Doktor in Polit-PR gemacht hat, erklären. Aber verkörpert sie mit ihren Reden, die halb Politik, halb esoterische Lebensberatung sind, nicht noch stärker die Sehnsucht nach einer ganz anderen Art von Politik?

Interessanter Gedanke. Wenn es stimmt, dass es ein Bedürfnis nach Politik gibt, die Sinnfragen beantwortet, dann wäre das Resultat eine Kreuzung von Politik und Religion. Wenn ich nach Amerika schaue, scheint mir das gar nicht so abwegig. Etwas Ähnliches beobachten wir im Islam. Dort ist Politik ganz selbstverständlich eine Glaubenssache und gibt auch Antworten auf die letzten Sinnfragen. Der Politiker fungiert im Gottesstaat auch als Paradies-Coach.

Und in Bayern predigt Frau Pauli eine Politik der Seelsorge sowie ein Leben in Wahrheit und Echtheit - und die Leute jubeln ihr zu.

Wenn ich einen gängigen politischen Begriff wie «Gerechtigkeit» nehme, dann schwingt auch da immer schon die Gerechtigkeit des Jüngsten Tages mit. So gesehen, ist das nicht ganz neu. Ausserdem nimmt die Verunsicherung der Leute zu in einer Welt, deren Probleme durch Globalisierung oder Klimaveränderung immer komplexer werden. Da ist es nur konsequent, wenn Frau Pauli Politik mit religiöser Tiefenerfahrung verbindet, dann liegt sie damit im Trend. Allerdings kann ich mir Frau Pauli nicht als Muttergottes vorstellen.

Nach so viel Paradies- und Gotteserfahrung möchte ich doch noch klarstellen: Bayern ist zwar hübsch, aber die Schweiz hat die höheren Berge, den Fussball hat Sepp Blatter erfunden, und während in Bayern die Uhren anders gehen, ticken sie in der Schweiz genau!

Kann schon sein. Aber ich habe gehört: Die Schweizer Uhrenfabriken gehören inzwischen alle einem Einzigen, einem zugereisten Libanesen.

Bruno Jonas, 55-jährig, tritt seit 1975 als Kabarettist in Bayern auf - wobei ihm bereits seine erste Aufführung ein Auftrittsverbot wegen Religionsbeschimpfung einbrachte. Seit acht Jahren ist er dem Fernsehpublikum durch die Satiresendung «Scheibenwischer» bekannt. Ausserdem ist er Autor der «Gebrauchsanweisung für Bayern» (Verlag Piper).

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