Sascha Buchbinder

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Glosse

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Der Rächer der Postkunden

Der gelbe Riese ist vielen Deutschen ein Hassobjekt. Briefe kommen nicht an, Pakete verschwinden - aber was kann die Post dafür, dass die Welt so schlecht ist? Da will der Postbote einen Brief zustellen und findet den Namen an keinem Briefkasten. Kann vorkommen - zumal in Berlin, wo dauernd umgezogen wird, wo diese Künstlertypen und Zugereisten sich nicht korrekt anschreiben. Also kommt der Brief oben auf die Briefkästen. Vielleicht findet ihn der Angeschriebene. Wenn nicht - vorausgesetzt er wird nicht geklaut -, wird er bei der nächsten Tour wieder mitgenommen.

Unkompliziert ist auch der Paketbote, der die Sendung bei immer neuen Nachbarn hinterlegt. "Sendung bei Strunz", steht auf dem Zettel. Strunz? Endlich lernt man den stets mürrischen Dunkelhaarigen kennen. Nur einmal begehrte ich - der ordentliche Schweizer - auf. Ich beschwerte mich, dass eine Sendung einfach hinterlegt wurde, obwohl ich zu Hause war. Folge: Drei Monate musste ich die Pakete beim Tabakladen abholen. Vorbei an der nahen Post, über drei Ampeln, zweihundert Meter die Strasse hoch. Seit der kleinen Schikane weiss ich, wer am längeren Hebel sitzt.

Die private Konkurrenz

Aber nicht ganz Deutschland hat resigniert. Eine kleine Gruppe hat den Kampf gegen den gelben Riesen aufgenommen. Neuerdings ist mein Haus ein Hort des Widerstandes. Oli, ein Berliner Langzeitarbeitsloser, hat im Hinterhof eine "Paketeria" eröffnet, eine Annahmestelle für Paketversand. Gleich neben dem grossen Haus der Post lauert nun die Konkurrenz. Und die schläft nicht. Denn Oli dekoriert bis in Morgenstunden den Innenhof, sortiert Tierfutter, Packpapier und Topfpflanzen. Was das mit Paketversand zu tun hat? Ich blick nicht durch. Aber die Umtriebigkeit ist beeindruckend. Und wenn Oli trotz drohendem Regen den Eingang mit Kreide bemalt "Pakete - hier / Eingang freihalten!", neben sich einen Fahrradständer mit Fackel und einen leeren Verkaufsständer, an dem leuchtende Mandarinen-Lampen hängen, dann ahnen selbst Touristen etwas von der subversiven Kraft des Projekts: Oli ist wahrscheinlich der meistfotografierte Quartierbewohner.

"Eines Tages werden die Leute dich auf der Strasse fragen: Wo ist denn hier die nächste Paketeria?", prophezeit er. Im Dezember werde er die Post platt machen, dann stünden die Leute Schlange, um ihm seine Pakete anzuvertrauen. Wie er das genau macht, weiss ich nicht. Aber wie er so dasteht: gelbes Hemd, Offiziershut mit rotem Stern, in einer Hand einen Leiterwagen mit Topfpflanzen, in der anderen einen Golfschläger - also wenn ich Postdirektor wäre, ich glaube, ich könnte nicht mehr ruhig schlafen.

© Sascha Buchbinder, Berlin

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