Sascha Buchbinder

flattersatz.info ist das Online-Portfolio des Schweizer Journalisten und Historikers Sascha Buchbinder.

Analyse

Text als PDF

Meine Rückkehr in die Fremde

Nach Jahren in Berlin zieht ein Schweizer wieder in seine Heimat. Und erschrickt darüber, was sich verändert hat.

Ist das die Schweiz? Kenne ich dieses Land? 2003 bin ich nach Berlin aufgebrochen. Ich verließ ein Land, das sich entschlossen hatte, der UN beizutreten, das sich eine neue Verfassung gegeben hatte, die die Vielfalt zu ihrem Wesen ernannte. 2003 war die Schweiz ein Land, das zum Träumen einlud. In den LatteMacchiato-Vierteln Berlins avancierte sie zum Sehnsuchtsort. Was wurden mir damals für Hymnen vorgetragen: Lebenslustig, weltoffen, kreativ sei die Schweiz. Die Schweizer verbänden mühelos Höchstleistung und Savoir-vivre, versicherte mir vielstimmig der Berliner Chor. Diesen Herbst kam ich zurück ins gelobte Land. Es war eine Rückkehr in die Fremde.

Äußerlich hat vieles noch die seit Kindesbeinen gewohnte Ordnung: die Holzlättli der Gartenzäune stets frisch gestrichen, die Pflanzen in Reih und Glied, gehalten durch Stickel, jeder gekrönt vom Gehäuse einer erlegten Weinbergschnecke. Während Westeuropa die Raucher in Reservate drängt, inhalieren Schweizer öffentlich. Es gibt hier noch Tabakläden und in diesen Biotopen eine zeitlose Spezies: Männer mit Ledermantel und Schnauz, das Resthaar sorgfältig über der Kopfhaut drapiert. Die Frauen stämmig, ihre Wollmäntel kurz und praktisch wie die Absätze ihrer Treter. Oder die Kioske: In Deutschland waren sie Tankstellen für die komasaufende Jugend, 40 Sorten Bier, Jägermeister und eine Bild von gestern im Angebot. In der Schweiz verkaufen Kioske Schoggistängeli - und noch richtige Zeitungen.

Doch in den Zeitungen hört die Gemütlichkeit auf. Die Schlagzeilen der letzten Wochen: »Immigrationsunwillige Ausländer« (Der Landbote), »Ausländer sind ein Verlustgeschäft« (Die Weltwoche), »Stören die Minarette oder die Ausländer? « (Zofinger Tagblatt), »EU-Bürger, die von der Fürsorge leben, werden nicht weggewiesen« (Tages-Anzeiger), »Gewalt: Ausländer schlagen öfter zu« (Blick am Abend), »Ausländer schlafen auf der Baustelle« (Basler Zeitung). Ein SVP-Nationalrat setzt in einer Interpellation Ausländer mit Insekten gleich, und Bundespräsident Hans-Rudolf Merz eröffnet der NZZ: »Die Schluckfähigkeit stösst an Grenzen«.

Das Schweizer Farbfernsehen? 70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs unterhält es sein Publikum mit Die Alpenfestung, einer Sendung, in der das Reduit wiederaufersteht. Das Theater? In Zürich ist die originalgetreue Kleine Niederdorfoper das Ereignis der Saison. Im Dunkel des Bernhard- Theaters hat eine Welt überlebt, in der Huren Bordsteinschwalben heißen und ein Bauer noch richtig Geld macht, wenn er ein Kalb verkauft. Die Aufführungen sind immer ausverkauft.

Wer 2009 noch die Minarettinitiative brauchte, um zu erkennen, dass dieses Land sich selbst fremd geworden ist, war blind und taub. Besserung ist 2010 nicht in Sicht. Die Zeitung Der Bund eröffnet das Jahr mit einem Essaywettbewerb. Titel: Das Kreuz mit der Schweiz. Zugegeben: Das sind Schlaglichter, Facetten bloß. Aber drehen wir das Bild weiter, gruppieren wir - wie bei einem Kaleidoskop - die Facetten neu, so stürzen die Bilder mit jeder Drehung zu neuer Ordnung, und jedes neue Bild gerät beunruhigender als das letzte.

Der Schweizer fühlt sich geborgen wie in einer sturmumtobten Berghütte

Gemeinsam ist diesen Bildern die Richtung, in die sie weisen: rückwärts. Dass die Schweizer Regierung 1989 die Mobilmachung von 1939 feierte, war ziemlich eigenartig. Doch damals galt es, eine Armeeabschaffungsinitiative abzuwehren. Aber dass das Land 20 Jahre später noch einmal das Reduit zelebriert? Als ich in Berlin von der Sendung Die Alpenfestung hörte, war ich fassungslos - und erleichtert, dass das deutsche Feuilleton ganz mit dem Baby-Container Erwachsen auf Probe von RTL beschäftigt war. So blieb mir das Unmögliche erspart: schockierten Deutschen zu erklären, dass meine Landsleute natürlich nicht den Kriegsausbruch feiern wollten, dass sie den Beginn der europäischen Katastrophe aber als Kulisse brauchen. Die Erinnerung an das große Blutbad rundherum erzeugt in der Alpenrepublik ein Geborgenheitsgefühl wie in einer sturmumtobten Berghütte. Man muss in der Schweiz aufgewachsen sein, um diesen Reflex zu verstehen: Eine (Wirtschafts-)Krise erschüttert die Welt? Ab ins Gebirge!

Ist es kleinlich, einzuwenden, dass das Reduit schon 1940 keine taugliche Lösung war? Weil die Schweiz zwar dieses Gebirgsbollwerk aufweist, der Wirtschafts- und Lebensraum aber im Mittelland liegt, weshalb wir jedes freie Wochenende in die Berge pilgern, um eine Geborgenheit zu genießen, die der Alltag nicht bieten kann. Dabei ist diese Verklärung der Alpen ein Missverständnis. Dass die Schweiz von freiheitsliebenden Bergbauern gestiftet wurde, ist keine historische Tatsache. Vielmehr haben wir diese Vorstellung Ausländern zu verdanken. Genauer: Europas gelangweiltem Adel, der mit verkitschter Alpenromantik der Wirklichkeit entfliehen wollte.

Es war das Zeitalter der Aufklärung: Die Bauern hungerten, der west- und mitteleuropäische Adel aber ließ in Hirtenidyllen ein neues Arkadien entstehen. Reisen in die Schweiz, zur Besichtigung der edlen Wilden in der rauen Bergwelt, wurden Mode, die Reiseberichte verkauften sich bestens in den Lesezirkeln der Städte. Und wenn Europas Fürsten sich etwas wirklich Exotisches leisten wollten, erwarben sie Schweizer Kühe und einen echten Sennen dazu für ihre Landsitze. In der Eidgenossenschaft selbst waren die Bauern bis dahin nur ein Thema gewesen, wenn sie ihren Herren die Abgaben verweigerten, sich gar gegen die göttliche Ordnung auflehnten. Wie in den Bauern- kriegen, als die eidgenössischen Stände einander beisprangen und gemeinsam den revoltierenden Bauern die Köpfe abschlugen. Das armselige Leben der Bauern zu idealisieren, auf diese Idee wären die Eidgenossen von allein nie gekommen. Doch die Reisen der gut betuchten, naturbegeisterten Adeligen waren eine feine Sache, und die emphatische Bergliteratur, begründet durch Jean- Jacques Rousseau, zur Blüte gebracht durch Friedrich Schiller, machte auch hierzulande Furore. Hundert Jahre später hatte man sich auch in der Eidgenossenschaft an den Gedanken gewöhnt, dass die heimischen Bauern etwas Besonderes sein könnten. Im 19. und 20. Jahrhundert bastelte man sich eine eigentliche Bauernstaatsideologie, im Zentrum der Apfelschuss, situiert in einem verklärten, ländlichen Milieu.

Inzwischen wächst das Gemüse hors-sol, und der Bauer ist zur Chiffre heimischer Urwüchsigkeit avanciert - obwohl weniger als vier Prozent der Schweizer noch Bauern sind. Es klingt wie eine witzige Anekdote - aber dahinter steckt viel Arbeit. Der Psychoanalytiker Paul Parin bezeichnete das Heimatgefühl als »Plombe der Seele«. Je größer das Loch im Selbstwertgefühl, desto gewichtiger die Plombe. Die mächtigen Flicken im helvetischen Gebiss von heute stammen von den Doktoren der geistigen Landesverteidigung. Bundesrat Philipp Etter schuf 1939 aus Bauernmetaphern und religiösen Versatzstücken ein helvetisches Amalgam gegen die existenzielle Angst der Kriegsjahre: »Alles Leben muss sterben, um neues Leben zu schenken. Verdanke ich nicht mein eigenes Leben dem Leben meines Vaters und meiner Mutter, die heute wie das Korn im Winteracker in der heimatlichen Erde der Auferstehung entgegenschlummern? Ein Volk, dem der Wille zur Unsterblichkeit wie Feuer in den Adern brennt, muss bereit sein, für seine Zukunft zu sterben, grad so, wie das Saatkorn im Acker stirbt.«

Es war dies die Zeit der geistigen Landesverteidigung. Die Militärs entdeckten den Wert der Kultur; neu geschaffene Propagandastellen entwarfen erfolgreich ein Schweizer Selbstbild auf Basis des Bauernbildes (das ausländische Eliten bereitgestellt hatten). Keiner hat die Funktions- weise der geistigen Landesverteidigung treffender beschrieben als Friedrich Dürrenmatt 1969: »Wer sich geistig zu verteidigen versucht, muss Furcht oder ein schlechtes Gewissen haben. Die Schweiz hat beides: ein schlechtes Gewissen, weil sie sich als Lamm ausgibt und deshalb an die Menschlichkeit der Wölfe appelliert, sich ihnen nützlich zu machen versucht (...); Furcht, weil sie in Wirklichkeit eben doch ein Wolf ist, wenn auch nur ein so kleiner, dass sie sich ständig fürchtet, von den anderen Wölfen zerrissen zu werden, und deshalb instinktiv die Zähne fletscht, um dann, weil sie ihrem eigenen Biss nicht so recht traut, wiederum geistige Landesverteidigung zu betreiben. Die geistige Landesverteidigung ist eine Schraube ohne Ende.«

Die Blütezeit der geistigen Landesverteidigung ist die Epoche, in die sich die Zuschauer der Kleinen Niederdorfoper flüchten. Sie lassen Alltag und Wirtschaftskrise hinter sich und lachen über die deutsche Wirtin im »Lämmli«, die nicht weiß, ob das Rütli eine Käsesorte oder eine Frau ist. Es ist dies auch die Zeit, in der die Losung »Das Boot ist voll« geprägt wurde. Voll war die Schweiz damals für die meist jüdischen Kriegsflüchtlinge, die man nicht aufnehmen wollte. Als wichtigstes Feindbild aber wurde - entsprechend der Bedrohung - der hässliche Deutsche aufgebaut. Die Struktur klingt vertraut? Aktuell gar? Die endlosen Diskussionen über Ausländer im Allgemeinen und Deutsche im Besonderen sowie die bundesrätliche Parole von den Grenzen der »Schluckfähigkeit« belegen: Die geistige Landesverteidigung ist nicht Geschichte. Sie schraubt sich vielmehr in ihre nächste Drehung.

Der globale Trend läuft gegen den helvetischen Sonderfall

1989 ging das kurze 20. Jahrhundert zu Ende. Am 11. September 2001 begann die neue Zeit. Doch die Schweiz blieb ratlos stehen und beobachtet seither mit wachsender Sorge, wie die osteuropäischen Staaten zu ernsthaften Konkurrenten werden, China zur neuen Macht aufsteigt, sich weltweit die Gewichte in Richtung Pazifik verschieben. Der globale Trend läuft gegen den helvetischen Sonderfall. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs erarbeiteten die westlichen Industrienationen rund zwei Drittel des Wirtschaftswachstums. Heute ist es weniger als ein Drittel. 1950 lebte jeder fünfte Mensch in Europa, 2010 wird es nur jeder zehnte sein. Das Gewicht Europas schwindet, und die Schweiz, dieser europäische Zwerg, schrumpft mit, schraubt sich immer schneller in Richtung Irrelevanz. Furcht um den eigenen Wohlstand, ein wenig Wehmut über den Verlust der alten Sicherheit ist den Schweizern nicht zu verdenken. In Deutschland wurde ich gleich zweimal Zeuge einer vergleichbaren Verunsicherung. Als ich 2003 in Berlin ankam, erlebten gerade Ost-Produkte ein Revival, und gealterte DDR-Stars tingelten durch die Programme der dritten ostdeutschen Sender. Die Menschen hatten erlebt, wie mit der Wende ihre Biografien entwertet worden waren, und suchten Zuflucht in der Ost-Nostalgie, kurz Ostalgie genannt. Die SED-Nachfolgepartei, die PDS, stieg zur ostdeutschen Volkspartei auf, an der Spitze Gregor Gysi, ein gerissener Anwalt, dem viele zutrauten, dass er dem Teufel mit Namen Markt und den teuflischen Wessis den Prozess machen könnte.

Die Westdeutschen beobachteten das Treiben fassungslos. Bis Gerhard Schröder den (west-)deut schen Sozialstaat zum Sanierungsfall erklärte. Schrö ders Arbeitsmarktreformen trafen die Menschen wie ein Schock. Plötzlich sprachen alle über »Abschmelzer«: Angehörige der Mittelschicht, deren Job und Vermögen sich in Luft auflösten. Die westdeutsche Zuversicht, dass der Staat ein immer besseres Leben garantiere, zerbröselte. Die Reak tion bestand in der Gründung einer Retro- Partei, der »Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit«. An der Spitze der Bewegung: Oskar Lafontaine, fleischgewordenes Versprechen, dass edler Rotwein und Staatssozialismus kein Widerspruch sind.

Inzwischen haben Westalgie und Ostalgie mit der Linkspartei eine gemeinsame Plattform gefunden und treiben mit ihrer Retro-Programmatik die anderen Parteien vor sich her. Was den Deutschen ihr Gysi/Lafontaine, ist den Schweizern ihr Christoph Blocher, der - welch glückliche Fügung - eine behäbige Bauernpartei vorfand, die er zum Vehikel für seine Schweizer Nostalgikerbewegung umfunktionierte. Die Erinnerung an Neutralität und Reduit, das Gefühl äußerer Bedrohung durch Wirtschaftskrise und auftrumpfende Deutsche wie Peer Steinbrück, die mit der EU vereinbarte Personenfreizügigkeit trotz steigender Arbeitslosigkeit - alles spricht für eine Rückbesinnung auf die Werte der geistigen Landesverteidigung. Scheinbar. Schweizer Sennen an Adelshöfen, ein frivoler Schweizer Bauer im sündigen Niederdorf und ein SVP-Bundesrat der Schweizer Volkspartei namens Ueli Mauer, der den elterlichen Stall schon mal als sein Geburtshaus ausgibt - der Punkt, der sie verbindet, ist eine Art sans souci, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, wo die Sorgen der Welt vergessen wären. Dieses Sehnen ist nur allzu menschlich. Allmählich aber wird die Aufgeregtheit, mit der über Ausländer und die schwindsüchtige eigene Identität diskutiert wird, zum Problem. Die Schweiz leidet nicht an zu vielen Ausländern, nicht einmal in der Krise droht dem Land Massenarbeitslosigkeit. Dieses Land leidet bloß daran, dass es nach dem Kalten Krieg den Anschluss verpasst hat.

Das Einzige, was dem Land wirklich fehlt, ist etwas mehr Gelassenheit

Das Problem des nationalen Selbstbewusstseins: Die eigene Identität war immer nur eine abwehrende. Nie gab es einen positiven Begriff von sich selbst, ein gemeinsames Ziel. Als 1891 erstmals der 1. August gefeiert wurde, da importierte das Land erstens die Idee einer Nationalgeschichte aus Deutschland, griff zweitens auf den Tell von Schiller zurück und wählte drittens eine Nationalgeschichte, die die katholische Innerschweiz mit dem ungeliebten Bundesstaat versöhnen sollte. Zu diesem Zweck wurde ein etwas dubioser Bundesbrief zur Keimzelle der Schweiz erklärt. Die Kriegsjahre des 20. Jahrhunderts und die geistige Landesverteidigung verengten die Optik weiter und verhinderten, dass sich dieses Land jemals in etwas anderem wiederfand als im knorrigen Nein. Nein zu Ausländern, Nein zu internationalen Verpflichtungen, Nein zu jedem gemeinsamen Projekt. Wenn es überhaupt etwas affirmativ Schweizerisches gibt, dann ist es der Gartenzaun, getreu dem viel zitierten »Machet den zun nit zu wit« unseres Nationalheiligen Niklaus von der Flüe. Kein Wunder, kommt die Nation nicht damit klar, dass in Europa die Mauern gefallen sind.

Die helvetische Antwort auf das vermeintliche Ende der Geschichte bestand in einer Entpolitisierung der Politik. Mit dem Kollaps des Kommunismus verschwand auch die Angst der Wirtschaft vor der Systemkonkurrenz, weshalb sich die wirtschaftliche Elite aus der Politik verabschiedete. Das Resultat ist ein Milizsystem ohne internationale Vernetzung, eine politische Elite, die auf die wichtigsten Köpfe des Landes verzichtet; eine Landesregierung, die sich der Bauernstaatsideologie angleicht: Der Bundesrat scheint aus der Zeit gefallen, ein Gremium, unablässig bemüht, die Fiktion nationaler Souveränität aufrechtzuerhalten. 2009 aber war ein erbarmungsloses Jahr, das die Machtlosigkeit des Gremiums permanent offenlegte, durch Libyenkrise und Steuerstreit, durch die Unausweichlichkeit der Kooperation gegenüber ultimativen Forderungen der USA, der EU, der G 20. Die Leitlinien werden nicht mehr im Bundeshaus festgelegt. Wenn unser Land tatsächlich mitgestalten möchte, müssten wir der EU beitreten. Von der eidgenössischen Politik dagegen ist nichts mehr zu erwarten. Höchstens mit der Zeit der Bau noch etwas breiterer Autobahnen.

Aber ist das tragisch? Ich reise mit den Augen eines Fremdgewordenen durchs Land und staune, wie gepützelt hier alles ist, wie fertig und für die Ewigkeit gebaut. Die Züge fahren pünktlich, das Bildungswesen genießt international einen exzellenten Ruf. Sogar das Gesundheitssystem funktioniert grosso modo. Der Sound der Schweiz ist das fröhliche Summen der Harmonie. Als ich einmal in Berlin die Bäckerin vor ihren 101 Broten fragte, was denn drinsteckt, in dem Brot dort, wurde ich runtergeputzt: »Ham' wa Wunschkonzert oder wat? Mir doch schnuppe, wat Se nehm'n!« In der Schweiz kann ich die Bäckerin mit Fragen löchern, und selbst wenn ich nichts kaufe, säuselt sie unbeirrt: »Danke vielmal! En schöne Tag und uf Wiederluege!«

Was sollte sich in dieser Schweiz jemals ereignen? Das Einzige, was dem Land wirklich fehlt, ist etwas mehr Gelassenheit. Nüchtern betrachtet, nistet die allgemeine Nervosität in der Angst um unseren Wohlstand. Ausgelöst hat diese Angst der Umstand, dass auch andere Völker sich langsam etwas Luxus leisten können. Der Abstand schrumpft. Aber das ist kein Grund zur Panik. Finden wir uns damit ab: Ein Volk, das keine gemeinsame Sprache spricht, nicht einmal seine Nationalhymne zu singen weiß, wird keinen Begriff seiner nationalen Identität finden, schon gar nicht in einer so unübersichtlichen Zeit wie der jetzigen. Aber das macht nichts, weil jene Schweiz, die alle lieben, eine Erfindung des Auslands war. Notfalls erfindet sich das Ausland seine Schweiz noch mal neu.

7. Januar 2010 DIE ZEIT Nr. 2

© Sascha Buchbinder

Dr. Sascha Buchbinder
Telefon: +41 (0)79 917 90 53
Email: nachricht [at] flattersatz.info